Was ist spielecht spielen?

Was für uns Themenspiele sind, haben wir auf der Seite Themenspiele für Themenspielefans beschrieben. Aber was sind spielechte Themenspiele?

spielecht Themenspiele – Wissenschaft zum Selbermachen

Lasst uns unsere Geschichte erzählen. Warum machen wir Spiele? Beginnen wir am Anfang. Wir sind neugierige Menschen und dachten, die Wissenschaft ist für uns das beste Spielfeld, um die Welt zu entdecken und zu gestalten. Michael R. wollte unser Wirtschaften verstehen. Deshalb hat er an wissenschaftlichen Computermodellen von Wirtschaft gearbeitet. Schnell war klar, dass die vorhandenen Modelle sowohl aus der Theorie als auch der Empirie ungeeignet sind, um in sogenannte agentenbasierte Prozessmodelle, d.h. Modelle, die Prozesse und Handlungsakteure darstellen, übertragen zu werden. Schwieriger war, wie stattdessen arbeiten: es musste alles von Grund auf neu überdacht werden.

Also fing er an, einfache wirtschaftliche Handlungen genau zu beobachten und manches selbst zu lernen. Nach und nach übertrug er diese Erfahrungen und Gedanken in die Computermodelle. Das führte dazu, dass die Modelle schnell so komplex wurden, dass es immer schwieriger war sie zu schreiben und zu lesen. Selbst wenn es gelingen würde, das Modell fortzuführen, wer konnte was damit machen? Also neuer Versuch, würde sich ein spielerischer Ansatz eignen? Tatsächlich kam Michael eines Tages mit dem ersten Prototyp von Peak Oil. Das Spiel ins Büro eines gemeinsamen Freundes. Bereits die ersten Sessions führten zu lebhaften Diskussionen über Ressourcenökonomie und Wirtschaftswachstum. Und jede Spielrunde wurde zu einem erfüllten Spielerlebnis!

Schließlich wollten wir verstehen, was aus dem Medium Spiel herauszuholen ist, warum sie so gute Modelle der Wirklichkeit sein können, mitunter wesentlich bessere als diejenigen der universitären Wissenschaft … wir entwickelten weiter … bis eines Tages der Entschluss zur Gründung des spielecht Spieleverlags gereift war. Der Vorteil von spielechten Themenspielen: Spiele sind Modelle, die selbst gespielt werden können, sie sind nachvollziehbar, verstehbar und veränderbar. Jeder Mensch ist ein Entdecker, spielechte Spiele sind Wissenschaft für alle – jede*r spielt mit!

spielechte Themenspiele – spielbare Modelle der Wirklichkeit

Mit Modell meinen wir, dass ein Wirklichkeitsbild der Autor*innen in dem Spiel konsequent umgesetzt wird. Der Weg geht von der Wirklichkeit zum Modell zum Spiel und schließlich über in mehrfache Überarbeitungsschleifen. Wir legen wert darauf, dass möglichst alle Spielkomponenten einen nachvollziehbaren und diskutierbaren Wirklichkeitsbezug haben. Das bedeutet nicht, dass es das Spiel unserer oder eurer Wirklichkeit entspricht, aber es muss mindestens der Wirklichkeit der Autor*innen entsprechen. Dies kann auch bedeuten, dass eine nicht tatsächliche, sondern mögliche und gewünschte Wirklichkeit oder Veränderung der Wirklichkeit dargestellt wird.

In der Entwicklung der Spiele achten wir auf einen möglichst konsequenten Wirklichkeitsbezug folgender Spielelemente:

  • Spieltitel
  • Spielthema
  • Spielwelt
  • Spielmechanismen
  • Spielregeln
  • Spieler*innenrollen
  • Spieler*innenaktionen
  • Spielgrafik
  • Spielmaterialien

Diesen Wirklichkeitsbezug im Spiel zu gestalten braucht Aufmerksamkeit, Offenheit, Ausdauer und Kommunikation in der Spielentwicklung. Denn wir als Verleger lernen die Wirklichkeiten der Autor*innen und unsere eigenen Wirklichkeiten zum Spielthema erst nach und nach kennen, aber auch die Autor*innen kommen in einen neuen Reflexionsprozess ihrer Wirklichkeit, wenn wir gemeinsam oder mit Testspieler*innen über die angemessene Darstellung und die sich ergebenden Fragen zum Thema diskutieren. Ein Spiel hat viele Spielelemente und es kann sein, dass uns unklare oder widersprüchliche Details erst durch die Testspiele, in der grafischen Gestaltung o.ä. auffallen oder wir einfach eine Weile brauchen, um im Thema und dessen spielerischen Umsetzung drin zu sein.

Ein Beispiel aus der Entwicklungsgeschichte des Identitätenlottos: Am Anfang gab es Prototypen bei denen die Spieler*innen für die richtige Beantwortung von Wissensfragen Ressourcensteine erhalten haben. Aber die Ressourcensteine sollen die personalen Ressourcen der Spielidentität abbilden. Die Antwort gibt jedoch die Spieler*in. Auf diese Vermischung hat uns eine Testspieler*in aufmerksam gemacht. Diese Vermischung war am Anfang auch bei anderen Spielelementen nicht klar und deutlich getrennt. Erst nachdem er uns selbst auffiel und wir diesen Anspruch auch kommunizierten, wurde der genannten Widerspruch für diese Testspieler*in in diesem Spielelement sichtbar. Deshalb ist es auch wichtig, die Ansprüche, die wir selbst an unsere Spiele stellen, klar und deutlich zu formulieren, um die Umsetzungsqualität mit euch diskutierbar zu machen.

Ein spielechtes Spiel ist wie alle anderen Themenspiele kein Titel-Spiel

Es geht uns nicht nur darum, dass im Spieltitel ein Thema genannt ist oder eine Spielwelt um den Titel herum gestaltet wurde oder ein Thema irgendwie zum vorher entwickelten Spielmechanismus passt. Die meisten Spiele basieren auf mathematischen Modellen, die anschließend in eine Spielwelt gekleidet werden.

Ein spielechtes Spiel ist kein Black-Box-Modell

Der Wirklichkeitsbezug soll möglichst nachvollziehbar und diskutierbar sein. Wir erreichen dies, indem wir an unserer Lebenswelt anknüpfen.

Ein Beispiel: In einem Spiel wie Peak Oil. Das Spiel (PODS) kommt “die Wirtschaft” vor. Wie modellieren wir Wirtschaft? Bspw. indem Unternehmen modelliert werden. Wird der Unternehmenssektor oder werden einzelne Unternehmen dargestellt? Wenn der Sektor dargestellt wird, kann in dieser Modellwirtschaft kein Unternehmen bankrott gehen. Es ist aber ein wesentliches Merkmal der Marktwirtschaft, dass Unternehmen bankrott gehen können. Die Modellierung von Wirtschaft als Unternehmensektor würde in diesem Punkt nicht an unsere Lebenswelt anknüpfen. Deshalb werden in PODS einzelne Unternehmen gespielt.

Ein spielechtes Spiel ist ein Handlungsmodell

Es soll wirklichkeits- und lebensweltbezogen gehandelt werden können im Spiel. Warum? Wir wollen das Handlungswissen der Wirklichkeit vertiefen und die Wirklichkeit gemeinsam verändern können. Wir erreichen dies, indem wir an unsere lebensweltlichen Handlungsmöglichkeiten anküpfen.

Ein spielechten Spiel ist ein modulares Modell

Das modulare Konzept erhöht die Anknüpfbarkeit der Spielthemen und ihre stückweise Erschließung sowohl für uns in der Entwicklung als auch für euch im Spielen. Die Wirklichkeit kann dadurch auch komplexer dargestellt werden ohne uns und euch im Prozess zu überwältigen. Darüber hinaus könnt ihr eigene Themen, die uns noch nicht eingefallen sind, mit dem Spielen verbinden.

Ein spielechtes Spiel ist ein Spiel mit weiterführendem Hintergrundwissen

Für die Spielthemen stellen wir weiterführendes Hintergrundwissen und Hinweise auf verschiedene Medien zur Verfügung. Ein Spiel ist nur ein Medium unter vielen und ein Modell ist immer auch nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit. Weiterführende Informationen ermöglichen eine Verbreiterung und Vertiefung des angespielten Themas.

 

Du interessierst Dich, wie die Autor*innen ihre Spiele spielecht gestalten? Dazu findest Du weiterführende Informationen auf den Themen-Websites zu den Spielen, z.B. auf www.peak-oil-das-spiel.de oder www.identitaetenlotto.de. Auf diesen Seiten erklären und diskutieren wir auch, wie “echt” unsere Spiele sind. Vielleicht hast Du ganz andere Erfahrungen und Vorstellungen? Du hast eine andere Meinung zum Thema? Dann diskutiere mit uns!